Überschlag in die Betonrinne


Es gibt Orientierungshilfen

------------------------------------------


ACHTUNG KANTE: Eine ungesicherte Betonrinne, 90 Zentimeter breit und 46 Zentimeter tief, quert den Dönhof-Platz.

Ich kam mit meinem Mountainbike die Alexanderstraße runter“, erzählt Danny Kappes, „schon ziemlich flott. Es war nach 23 Uhr, ich wollte schnell nach Hause. Ich war aber nicht betrunken oder irgendwas. Eigentlich bin ich ein guter Radfahrer. Am Fußgängerüberweg habe ich die Straßenseite gewechselt, wollte bei der Krone über den Schlossgraben. Plötzlich ist mein Vorderrad abgekippt. Ich habe mich überschlagen, bin über mein Rad geflogen, mit dem linken Jochbein genau auf die Kante vom Abfluss. Dann fehlen mir ein paar Minuten in der Erinnerung – war wohl kurz bewusstlos. Die Platzwunde wurde im Krankenhaus mit sieben Stichen genäht. Ein Wunder, dass nichts gebrochen ist, sagte der Arzt.“

Es war die Darmbach-Simulationsrinne vor dem Kongresszentrum am Schlossgraben, in die Kappes an jenem Abend im Mai 2008 mit dem Fahrrad stürzte. „Erst im allerletzten Moment“ habe er auf dem spärlich beleuchteten Platz die nicht weiter markierte Rinne wahrgenommen, berichtet der Fünfunddreißigjährige – da war es schon zu spät.

Plötzlich abwärts: Treppen und scharfe Geländerkanten an der Darmstadtium-Front zur Erich-Ollenhauer-Promenade. (Foto: Claus Völker)

Kappes meldete den Unfall seiner Krankenkasse, die ihrerseits ihre Aufwendungen der Stadt Darmstadt in Rechnung stellte. Er selbst habe von der Stadt nie etwas gehört, weder eine Entschuldigung noch eine Nachfrage nach seinem Zustand, sagt Kappes, der das Desinteresse „doch sehr traurig“ findet.

Das Gerinne, das da 90 Zentimeter breit und 46 Zentimeter tief in schnurgerader Linie den Marion-Gräfin-Dönhoff-Platz teilt, kann in der Tat zur tückischen Falle werden. Zum Kongresszentrum hin mit einer tieferen Stufe abgesetzt, zur Straße ohne weitere Markierung, ist es bei der Annäherung erst spät erkennbar – für Radfahrer wird die Reaktionszeit knapp. Vor allem nachts.

Der Stadtverwaltung ist das Problem bewusst. Sprecher Frank Horneff weist aber auf Anfrage darauf hin, dass Radfahrer vor dem Darmstadtium nur geduldet und zu aufmerksamer Fahrweise verpflichtet seien.

Nicht nur eilige ortsunkundige Radler sind gefährdet. Auch für Blinde und Sehbehinderte kann die Rinne – sie soll noch in diesem Jahr über den benachbarten Karolinenplatz verlängert werden – zum Problem werden. Zumindest eine wenige Zentimeter erhöhte Schwelle, die mit dem Blindenstock ertastbar ist, hätte er sich an der Betonkante gewünscht, sagt bei einer Ortsbegehung Michael Damm aus Ober-Ramstadt, der seit zehn Jahren als selbstständiger Mobilitätstrainer für Blinde und Sehbehinderte arbeitet. Von gelben Kontraststreifen, die für schlecht Sehende hilfreich wären, wagt er gar nicht zu träumen.

Immerhin sind die Sehbehinderten bei der Platzgestaltung keineswegs komplett vergessen worden. Es gibt Leitlinien mit parallelen Rillen, die über den Platz und zum Kongresszentrum – warum nur zu einem Nebeneingang? – führen. Genoppte sogenannte Aufmerksamkeitsfelder zeigen Verzweigungen an. Der Fußgängerüberweg an der Alexanderstraße hätte aus Damms Sicht besser gestaltet werden können, aber immerhin gibt es auch dort Orientierungsfelder.

Schwerer wiegt aus Sicht des Praktikers, dass es auf dem sehr hell gepflasterten Dönhoff-Platz kaum optische Kontraste gibt: Blinde mit Stock kommen klar, Sehbehinderten droht Orientierungsverlust. „Wenn hier voller Sonnenschein drauf ist, kneift schon ein Normalsehender die Augen zusammen.“ Fazit des Behindertentrainers: „Der Platz ist nicht barrierefrei konzipiert.“

Fehlender Kontrast kann auch an der Südfront des Darmstadtiums zur Erich-Ollenhauer-Promenade für Sehbehinderte zum Problem werden, wo steile Treppen zum Untergeschoss des Kongresszentrums hinabführen. Wer da hinabfällt, ist nicht zu beneiden. Die scharfkantigen Stahlgeländer nimmt Damm achselzuckend zur Kenntnis: „Da hat sich das Design durchgesetzt.“

db

Darmstädter Echo vom 25.03.2009