Bürger kritisieren Offenlegung des Darmbachs
IG Abwasser: Erhöhung der Schmutzwassergebühren rechtswidrig / Meinungen reichen von "Zombiebach" bis zu "bessere Löschwasserrinne"

Bei einer Bürgerinformationsveranstaltung zur Offenlegung des Darmbachs regte sich Protest: Den Stadtplanern schlug Kritik an der geplanten, zehn Millionen Euro teuren Renaturierung des seit über 200 Jahren unterirdisch durch die Stadt geleiteten Gewässers entgegen.

Darmstadt. Die Rechnung der Stadt ist ganz einfach: Die Kosten für die Offenlegung des Darmbachs und des Meiereibachs auf dem Oberfeld sowie der Sanierung des Herrngartenteichs sollen sich auf rund zehn Millionen Euro belaufen - viel Geld in Zeiten knapper Kassen. Aber: Durch die bisherige
Einleitung von Darm- und Meiereibach in die Kanalisation entstünden der Stadt - obwohl beide Gewässer relativ sauberes Wasser führen - jährlich Abwasserkosten von rund 2,2 Millionen Euro. Diese entfielen nach der Offenlegung; somit gleiche sich die Rechnung nach viereinhalb Jahren wieder aus, so Ullrich Ranly, Projektleiter im Straßenverkehrsamt. Die Bürger müssten jährlich lediglich neun Euro mehr an Schmutzwassergebühren bezahlen. Kaum hatte Ranly die vom Magistrat im Juni 2005 beschlossenen Vorplanungen den Bürgern im voll besetzten Vortragssaal des Staatsarchivs erläutert, meldete sich Hans-Ulrich Naundorff von der Bürgerinitiative IG Abwasser zu
Wort. Er sprach von einer "Milchmädchenrechnung". Die Wirtschaftlichkeitsbetrachtung sei rechtswidrig. Sie entlaste die Stadt bei gleichzeitiger Belastung der Bürger. Zwar sei richtig, dass die Stadt jährlich 2,2 Millionen Euro Ausgaben spare. Mit der Abkoppelung des Darmbachs vom Klärwerk erhöhten sich jedoch - weil der Betrag dann im Gebührenhaushalt fehle und die Kosten für
Abwasserbeseitigung gleich bleiben - die Schmutzwassergebühren für die Bürger in gleicher Höhe. Die IG Abwasser sei nicht gegen eine Offenlegung des Darmbachs, sie fordere lediglich, dass die Rechtsabteilung der Stadt das Projekt noch einmal überprüfe. "Nicht dass wieder ein Prozess geführt werden muss", sagte Naundorff in Anspielung darauf, dass die Initiative 2001 vor dem Verwaltungsgericht erfolgreich gegen zu hohe Abwassergebühren in Darmstadt geklagt hatte. Planungsdezernent Dieter Wenzel (SPD) wehrte Naundorffs Kritik ab. Alle Fragen würden "juristisch geprüft und in der Stadtverordnetenversammlung diskutiert".
Die Pläne der Stadt stießen nicht nur bei der IG Abwasser auf Kritik. Ein Mann im Plenum monierte, dass immerhin zehn Millionen Euro an Steuergeldern aufgewendet werden würden, die die Bürger zu zahlen hätten. "Das ist kein Bachbett, sondern eine bessere Löschwasserrinne", beschwerte sich ein
anderer, als die Planer Computerbilder zeigten, auf denen der Darmbach in einer kerzengeraden Linie - in einem Betongraben - am Kongresszentrum vorbeifließt.

Beton oder Renaturierung?

Als Ingrid Pilz vom städtischen Grünflächenamt sagte, dass selbst im Herrngarten keine Uferbepflanzung geplant sei, stellte eine Frau im Publikum gar den Begriff Renaturierung in Frage. Ein Bürger, um die Sicherheit von Kindern besorgt, nannte das ans Tageslicht geholte Gewässer einen"Zombiebach". Ranly versicherte jedoch, es bestünde keine Gefahr. Hochwasser sei nicht möglich, weil der Woog als eine Art Talsperre fungiere. Erst gegen Ende der Veranstaltung meldete sich eine Frau lobend zu Wort: "Das ist schön! Dafür zahle ich gerne neun Euro mehr im Jahr."
Seit 1786 verläuft der Darmbach ab dem Badesees Großer Woog in einem unterirdischen Kanal. 2001 gab die Stadt eine Machbarkeitsstudie in Auftrag. Geplant ist ein 1,6 Kilometer langer offener Abschnitt zwischen Woog und Carl-Schenk-Ring.
Die Renaturierungsarbeiten sollen in der zweiten Jahreshälfte 2007 beginnen, an einem ersten Abschnitt zwischen Landgraf-Georg-Straße und Karolinenplatz - vorbei am Kongresszentrum, das am Nikolaustag 2007 eröffnen soll. Der Start der Bauarbeiten im Herrngarten ist für die erste Hälfte 2008 geplant.
Frank Schuster

 

Frankfurter Rundschau v. 31.08.2006, S.29