Der Bach und sein Bett

Kongresszentrum und Kongresshotel in Darmstadt bekommen, was Kongresszentren und Kongresshotels in Großstädten dringend brauchen: ein putziges Bachbett vor der Tür. Wie die Dinge in Darmstadt aber liegen, wird es in diesem Bachbett allenfalls Regenpfützen geben. Denn der Darmbach, für den das Bett gemacht wird, scheint vorerst in seinem Rohr bleiben zu müssen.

Der Darmbach hat ein kurzes Leben. Er entspringt oberhalb der Fischerhütte, speist deren Fischteiche, fließt am Vivarium vorbei zum Woog und gibt unterhalb der Rudolf-Mueller-Anlage noch ein wenig Bächleinromantik, ehe er – passend – nahe der Darmstraße im Kanal verschwindet.

Nun hat die in den neunziger Jahren wiederbelebte Idee, den Bach ans Tageslicht zu holen, durchaus ihren Charme. Es ist ja wenig logisch, sauberes Darmbachwasser im Abwasserkanal einzutrüben, um es in der Kläranlage wieder zu säubern. Der Regierungspräsident hat der Stadt sogar zur Auflage gemacht, den Bach zu renaturieren.

Doch diese Idee stammt aus einer Zeit, als es dem Land noch vergleichsweise gut ging. Inzwischen werden im Rekordtempo Arbeitsplätze abgebaut und Millionen Menschen, die eben noch ein gesichertes Familieneinkommen hatten, in die Hartz-Armut entlassen. Die Sozialsysteme wanken, die Solidargemeinschaft murrt immer lauter über diejenigen, die jetzt an der Reihe wären, Solidarität zurück zu erhalten.Passt es in diese Zeit, zehn Millionen Euro (zur Erinnerung: zwanzig Millionen Mark) auszugeben, um dem Darmbach ein neues Bett mitten durch die Stadt zu graben? Es gibt zu wenig Krippenplätze, die Schulen vergammeln schneller, als man mit der Sanierung hinterher kommt, Jugendeinrichtungen sind rar. Da hat der Darmbach keine Priorität. Doch, sagen pfiffige Rechner. Denn das Projekt trägt sich finanziell selbst. Die Stadt muss für den Darmbach Kanalbenutzungsgebühr zahlen. Zwei Millionen Euro im Jahr. Da wären die Kosten, ihn aus den Kanal herauszuholen, in fünf Jahren wieder eingespielt.

Aber erstens: Diese zwei Millionen fehlen jährlich in der Finanzierung des Kanalsystems, das ja weiter betrieben werden muss. Es wird also eine Gebührenerhöhung geben müssen, die die Bürger bezahlen. Damit wird die Darmbachoffenlage mit einer Art Zwangsumlage finanziert.

Und zweitens: Dazu kommt es vorerst nicht, weil die Ampelkoalition den rätselhaften Passus in ihrem Koalitionsvertrag stehen hat, man wolle den Darmbach vorerst nur bis zum Herrngartenteich offenlegen. Das klingt nach sparen. Aber wohin mit dem Darmbach hinterm Herrngarten? Ganz recht: in den Kanal. Damit würde die Stadt zwar für die halbe Offenlage einen Haufen Geld ausgeben, aber nichts sparen, womit sie das Projekt finanzieren könnte, weil die Kanalgebühren weiterhin fällig werden.

Solchen Widerspruch vermag nur eine andere Passage im Koalitionsvertrag aufzulösen. Da heißt es, alle Investitionen stünden unter dem Vorbehalt ihrer Finanzierbarkeit. Die Darmbachoffenlage bis zum Herrngartenteich aber ist nicht finanziert.

Deshalb wird es dazu kommen, dass man bei den aktuellen Baustellen für die Kongresseinrichtung schon mal vorsorglich ein Bachbett anlegt, durch dieses Bett aber auf absehbare Zeit kein Darmbach fließen wird. Wenn die Kongressgäste sich darin den Fuß verknacksen, wird man es wieder zuschütten.

Klaus Staat
29.7.2006

Quelle: 29.07.2006 Darmstädter Echo