Frankfurter Rundschau
v. 12.07.2006, S.29, Ausgabe: R Region
Streit um Pflegeheim am Mercksplatz
Ex-Bürgermeister Knechtel
kritisiert geplanten Geländeverkauf / FDP hat ebenfalls Vorbehalte
/ Heute im Ausschuss
Gegen den Bau eines Pflegeheimes auf dem östlichen
Mercksplatz formiert sich Widerstand. Der Standort an zwei großen
Straßen sei den Senioren nicht zu zumuten, sagen Kritiker.
Eine Bebauung beeinträchtige zudem
eine für das Stadtklima wichtige Kaltluftschneise.
Darmstadt · Der Ortsverein Gervinus ist auf dem SPD-Parteitag
nur knapp mit dem Antrag gescheitert, die Fläche nicht zu
verkaufen. "Die Abstimmung ist nicht rechtmäßig
verlaufen", sagte der ehemalige Bürgermeister und Vorsitzende
des Ortsvereins, Horst Knechtel, am Dienstag auf Anfrage. Es habe
keine klare Mehrheit gegeben, als die Delegierten die Hände
hoben. Dennoch habe der Sitzungsleiter selbst ausgezählt,
anstatt die in der Geschäftsordnung vorgesehene Zählkommission
zu beauftragen, sagte Knechtel. Der Sitzungsleiter habe später
sogar eingeräumt, sich verzählt zu haben.
Der Magistrat will eine Teilfläche des Mercksplatzes südlich
der Landgraf-Georg-Straße an einen privaten Investor verkaufen,
der dort ein Pflegeheim für Senioren errichten will. Wegen
des starken Verkehrs sei ein Pflegeheim an dieser Stelle völlig
unangebracht, sagte Knechtel. "Da donnern Lastwagen vorbei." Der
Platz dürfe zudem aus ökologischen und städtebaulichen
Grünen nicht bebaut werden. Gleich drei Gutachten kämen
zu dem Schluss, dass die Fläche als Kaltluftschneise für
die Stadt dient. "Der Mercksplatz sichert die Frischluft in
der Innenstadt."
Der Mercksplatz sei Teil eines Grünzuges, der an der Rosenhöhe
beginnt und sich über die Mathildenhöhe, den Woog bis
zur Rudolf-Müller-Anlage erstreckt. "Alle Städte
versuchen ihre Grünzüge zu entwickeln", sagte Knechtel.
Das habe ihm der international anerkannte Stadtplaner, Professor
Werner Durth von der TU Darmstadt, bestätigt.
Konzept der Landesgartenschau
Knechtel erinnerte daran, dass eine Bebauung des Platzes dem von
ihm entwickelten Konzept für eine Landesgartenschau widerspreche. "Sie
sollte am Mercksplatz beginnen." Das Stadtparlament habe die
Planung einstimmig beschlossen. Zugestimmt habe vor drei Jahren
als Stadtverordneter auch sein Parteifreund Dieter Wenzel, der
heutige Baudezernent. "Sein Sinneswandel ist mir nicht erklärlich",
sagte Knechtel.
Umweltdezernent Klaus Feuchtinger (Grüne) verteidigte das
Vorhaben: "In dem Bereich muss etwas entwickelt werden, was
Bestand hat." Der östliche Mercksplatz liegt seit Jahrzehnten
brach und wird als Parkplatz genutzt. Während des Heinerfestes
stehen dort Fahrgeschäfte. "Ich würde mir wünschen,
dass die Grünverbindung von der Rosenhöhe in die Stadt
nicht unnötig geschwächt wird", betonte Feuchtinger.
Bei allen Planungen soll deshalb der Verlauf des Darmbaches von
einer Bebauung frei bleiben. Das stärke die Grünzug-Idee.
Feuchtinger schlägt vor, das quer zum Platz stehende alte
Gebäude abzureißen, das als einziges die Brandnacht
unbeschadet überstanden hat. Dann gebe es trotz der neuen
Bebauung eine große Öffnung für die Kaltluftschneise.
Die FDP lehnt das Vorhaben des Magistrats ebenfalls ab. "Es
gibt Gesprächsbedarf", sagte Parteichef Leif Blum. Ein
Pflegeheim an dieser Stelle halte er nicht für sinnvoll. Er
befürchtet ebenfalls, dass die Kaltluftschneise beeinträchtigt
wird. "Die tragfähigste Lösung wäre ein Parkplatz
oder ein Park’n’Ride-Platz", sagte Blum.
Zweifel an der Bonität des Investors
Zu den Kritikern zählt auch die Wählervereinigung Uwiga.
Sie bezweifelt zudem die Bonität des privaten Investors WPC-Projektgesellschaft
DA 1. Gegen ein Unternehmen mit ähnlichem Namen und der gleichen
Firmenadresse im schwäbischen Fellbach laufe ein Insolvenzverfahren,
sagte der Uwiga-Stadtverordnete Georg Hang. Der Generalbevollmächtigte
der WPC-Gruppe, Michael Bolesch, weist den Vorwurf zurück.
Ein ehemaliger Planer der Unternehmsgruppe habe diese Firma gegründet. "Das
war eine von der WPC-Gruppe völlig autarke Gesellschaft."
Der private Investor stellt am heutigen Mittwoch sein Konzept in
einer Ausschuss-Sitzung vor. Über den Verkauf sollten die
Stadtverordneten aber noch nicht abstimmen, forderte Blum. Gert
Blumenstock

Frankfurter Rundschau v. 12.07.2006, S.29
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