„Wir gehen
in keine Zitterpartie“
Minderheitsregierung – Der Oberbürgermeister hat Zweifel
am Modell wechselnder Mehrheiten und sucht Stabilität
VON KLAUS STAAT
Nach dem Scheitern der Verhandlungen über eine rot-gelb-grüne
Ampel-Koalition haben SPD und Grüne ein Duldungsabkommen mit
der Fraktion Uffbasse vereinbart. Doch gleich zu Beginn scheiterte
die Minderheitskoalition mit der Wahl des Stadtverordnetenvorstehers.
Wir sprachen mit Oberbürgermeister Walter Hoffmann (SPD) über
Uffbasse, die Koalitionsverhandlungen und seine nächsten Schritte.
ECHO: Die Kooperation von Rot-Grün mit Uffbasse begann mit
einem Paukenschlag. Wird sie auch mit einem Paukenschlag enden?
Hoffmann: Das war schon eine sehr ernüchternde Erfahrung.
Aber man muss fairerweise daran erinnern, dass es vorab keine
Zusagen für die Wahl von Sabine Seidler zur Stadtverordnetenvorsteherin
gegeben hat.
ECHO: Es hat außer zum Haushalt überhaupt
keine Zusagen von Uffbasse gegeben.
Hoffmann: Ja eben, das ist
das Problem. Wir hatten den Wunsch und die Hoffnung, wenigstens
einen Teil von Uffbasse überzeugen
zu können, Sabine Seidler zu wählen. Es war schon sehr
ernüchternd, dass das gar nicht gelungen ist.
ECHO: Wäre es nicht naheliegend gewesen,
was viele vermuteten: Das war das Ende einer Affäre?
Hoffmann:
Man muss das in Ruhe noch einmal bewerten. Ob permanent wechselnde
Mehrheiten ein Weg sind, da hab’ ich meine Zweifel.
Es gibt für eine Zusammenarbeit drei Bedingungen: Erstens
muss es ein Mindestmaß an stabilen Mehrheiten geben,
auch wenn man heftig miteinander ringt. Zweitens muss die Chemie
zwischen den Handelnden stimmen, diese Erfahrung habe ich immer
wieder gemacht. Drittens muss es eine größtmögliche
Schnittmenge geben. Die zugesagte Zustimmung zum Haushalt ist
okay. Aber darüber
hinaus gibt es noch großen Gesprächsbedarf um die
Festlegung auf gemeinsame Ziele. ECHO: Uffbasse hat angedeutet, im November
gegen die Wiederwahl der grünen Stadträtin Daniela Wagner zu stimmen. Wollen
Sie es bei der Wahl drauf ankommen lassen, oder wird statt Daniela
Wagner Jochen Partsch für den Magistrat kandidieren?
Hoffmann:
Die Grünen müssen ihre Personalentscheidungen
selbst treffen. Aber es geht ja nicht um Personen, es geht um unsere
Politik. Und die ist viel zu wichtig für dauernde Spielereien.
Wenn die Grünen Daniela Wagner nominieren, dann muss sichergestellt
sein, dass die Koalition ohne Angst in die Abstimmung geht. Es
muss klar sein, was hinten bei raus kommt. Wir gehen in keine Zitterpartie
rein. ECHO: Wäre die Ampel-Koalition mit der FDP nicht doch
zu retten gewesen?
Hoffmann: Auch über dieses Scheitern war ich sehr ernüchtert.
Die Gespräche waren in einer angenehmen Atmosphäre und
wurden von der FDP abrupt abgebrochen. Wir dachten, wir fangen
damit eben erst an. Ich hatte den Eindruck, wir waren nicht sehr
weit auseinander. Aber die FDP muss die Tassen im Schrank lassen.
Mit 6,9 Prozent kann man nicht sein gesamtes Programm durchsetzen.
ECHO: Die Grünen sind dafür, die Gespräche mit
der FDP wieder aufzunehmen. Sehen Sie da eine Chance?
Hoffmann:
Das Uffbasse-Prinzip wechselnder Mehrheiten beinhaltet,
mit jedem zu reden. Das ist selbstverständlich, um fundierte
Mehrheiten zu bekommen. ECHO: Nun müssen Sie bei der labilen Duldung
durch Uffbasse auf schwankendem Grund viel erreichen. Die Wahl
ist rum, nun wird es Zeit, Ihre Ankündigungen umzusetzen.
Was kommt als erstes dran?
Hoffmann: Noch in diesem Monat müssen
wir über eine
Neuordnung des Stadtmarketings entscheiden. Das muss
am 1. Juni ins Stadtparlament. Ich habe meine Vorstellung in
Umrissen dargestellt: Gründung einer städtischen Gesellschaft
für Tourismus
und Stadtmarketing. Pro Regio wird umgestaltet und
wird sich als neuer City e.V. auf die Steigerung der Attraktivität
der Innenstadt konzentrieren. Der Einzelhandel ist sehr engagiert.
Da ist sehr viel Bewegung drin. ECHO: Was ist mit dem Stadion
am Böllenfalltor? Der DFB drängt
auf eine Sanierung. Wann geschieht denn nun etwas?
Hoffmann: Da ist schon seit Monaten viel
Schwung drin. Ich bin mit privaten Sponsoren im Gespräch. Wir kriegen eine Partnerschaft
mit mehreren Firmen. ECHO: Welche haben Sie sicher?
Hoffmann: Ich kann jetzt keine Namen nennen.
Aber eine Firma haben wir schon sicher. ECHO: Eine große?
Hoffmann: Sicher
keine kleine. ECHO: Die Stadtverordnetenversammlung hat beschlossen,
ein knappes Dutzend Standorte für ein Stadion zu prüfen.
Ist schon eine Entscheidung gefallen?
Hoffmann: Nein, aber alle
Fakten sprechen für das Böllenfalltor.
Nicht aus Tradition, sondern wegen der Tatsachen. Die
Liberalen haben Arheilgen ins Spiel gebracht. Aber das kriegen
wir kurzfristig nicht hin. Da müssen Grundstücksverhandlungen
geführt
werden. Da ist Landschaftsschutzgebiet, da müssten
wir ein Abweichungsverfahren einleiten. Außerdem
ist noch das Problem mit der Seveso-Richtlinie und
dem darin geforderten Abstand zu Merck. Außerdem
ist am Böllenfalltor noch die Sporthalle.
Die müsste abgerissen und woanders neu gebaut
werden. Das kostet doch gleich wieder Millionen. ECHO:
Es bleibt also bei der Sanierung des Böllenfalltorstadions.
Wird das nach dem von der Stadtverordnetenversammlung
2004 beschlossenen Konzept vor sich gehen?
Hoffmann:
Nein. Der SV 98 wird doch leider zur Zeit
kein Bundesligist. Ich denke, eine Größenordnung von 15 000
Plätzen
müsste ausreichen. Das ist realistisch. Und das
ist preiswerter zu kriegen als die damals genannten
30 Millionen Euro. Jedenfalls hat der DFB die Auflage
gemacht, bis zum 31. Mai eine Entscheidung auf dem
Tisch zu haben. Und sei es nur für die notwendigsten
Sanierungsarbeiten. Die würden 850 000 Euro kosten.
ECHO: Würde dann nicht in ein, zwei Jahren die
ganze Diskussion von vorne beginnen?
Hoffmann: Das
ist es ja eben. Deshalb muss man den
Mut haben zu einem vernünftigen Konzept für ein
neues Stadion. ECHO: Das muss aber alles finanziert
werden. Wie wollen Sie gleichzeitig noch
den Haushalt sanieren?
Hoffmann: Wir müssen den Etat konsolidieren.
Wir haben 2005 mit hohen Steuereinnahmen ein gutes
Jahr gehabt. Aber nun muss jede Investition überprüft
werden, ob sie finanzierbar ist. ECHO: Werden Zuschüsse
für Vereine gekürzt?
Hoffmann: Nein, das bringt nichts. Wir
kriegen jeden Tag eine Investitionsmaßnahme zur Entscheidung
auf den Tisch. Die kosten das Geld. Nehmen wir nur
die Offenlegung des Darmbachs. Ich halte das für
unrealistisch. ECHO: Machiavelli sagt: Man muss die
notwendigen Grausamkeiten am Anfang
begehen.
Hoffmann: Jedenfalls bin ich für eine harte Linie. Wir leben über
unsere Verhältnisse. Nehmen Sie nur unsere Kultureinrichtungen.
Auf hohem Niveau müssen wir Mut haben, unangenehme
Fragen zu stellen. Dafür brauchen wir stabile
Mehrheiten. ECHO: Wo wollen Sie kürzen in der
Kultur?
Hoffmann: Das kann ich jetzt nicht sagen.
Wenn das nach außen
dringt, kriegen wir eine wilde Diskussion.
ECHO: Wir
lieben wilde Diskussionen.
Hoffmann:
Das weiß ich.
Aber wir überlegen mit den
Grünen und werden dann nach außen treten.
Ich sage, ihr könnt Geld haben, aber ihr müsst
vernünftige
Strukturen hinbekommen. Das gilt zum Beispiel auch
für die
Sportvereine. Man muss den Mut haben zu harten Schnitten.
Quelle:
04.05.2006 Darmstädter Echo
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