Frankfurter Rundschau v. 20.03.2006,
S.40
Kritik an Ökohof
auf dem Oberfeld Pläne einer Bürgerinitiative für die Haltung von
50 Milchkühen stoßen auf Skepsis / Kaufpreis für
Domäne noch offen
Die Initiative Domäne Oberfeld hat gute Chancen, ihre Pläne
für einen Ökohof zu verwirklichen. Das Land Hessen soll
der Bürgerinitiative die Staatsdomäne zum 1. Juli übergeben.
Kritiker bemängeln, dass der Ökohof auf Jahre hinaus
am Suventionstropf hängen werde.
Darmstadt · "In den nächsten drei Wochen fällt
die Entscheidung", sagt Arnulf Rosenstock, Vorsitzender der
Initiative und Darmstadts Forstamtsleiter. Über den Preis
des denkmalgeschützten Gebäude-Ensembles mit seinem 140
Hektar großen Grundstück konnten sich die Hessische
Landgesellschaft und die Initiative bislang noch nicht einigen.
Das Hessische Baumanagement habe den Wert auf über eine Million
Euro geschätzt, der Gutachterausschuss bei der Stadt Darmstadt
jedoch 500 000 Euro niedriger.
Die Initiative, die über ein Startkapital von 100 000 Euro
verfügt, will den Preis auf unter eine Million runterhandeln.
Der jetzige Pächter soll seinen Landwirtschaftsbetrieb bis
Ende Juni auflösen. Die ehemals großherzogliche Obermeierei
soll dann von 1. Juli an in einen Ökohof mit Direktvermarktung
umfunktioniert werden. Und in einen "Lernort", an dem
sich Stadtkinder anschauen können, woher die Milch kommt,
wie Käse gemacht oder Gemüse angebaut wird. Drei Landwirte
sollen den Hof bewirtschaften, darunter ein Schweizer Käser
und ein Demeter-Vertreter. Produkte aus eigener Erzeugung wie Käse,
Fleisch, Backwaren und Gemüse sollen verkauft werden. Zentraler
Baustein des Projekts ist die Milchviehwirtschaft. Rund 50 Kühe
sollen künftig auf
den Weiden der bei Spaziergängern beliebten Frischluftschneise
grasen. Das stößt auf Kritik.
"Falsche Idylle"
"Die Wiesen auf dem Oberfeld sind Feuchtwiesen
und bieten den Rindern kaum Nahrung", bemängelt Oliver
Diehl. Der Landwirt bewarb sich ebenfalls für das Projekt;
die Initiative entschied sich jedoch gegen sein Konzept. Diehls
Idee war, den Hof mit Schafen und Hühnern zu bewirtschaften. "Kühe
werden die unter Landschaftsschutz stehenden Wiesen ruinieren." Das
Oberfeld sei ein Ackerbaustandort, sagt Diehl. Der jetzige Pächter
habe bereits vor Jahrzehnten die Viehhaltung aufgegeben. Eine Milchviehwirtschaft
werde sich nicht tragen. Der Lernort für Kinder gaukle eine
Idylle vor, ein "Disneyland", das nicht dem Bild entspreche,
wie es wirklich auf Ökohöfen Deutschlands aussehe, von
denen viele ohne Rinderhaltung auskämen. "Meine
Kritik ist nicht der Neid des Verlieres", betont Diehl, er
wolle nur warnen. "Das Projekt wird jahrelang am Tropf hängen."
In die gleiche Kerbe schlägt Dirk Eckel, der bis zum Frühjahr
2005 in einem der ehemaligen Landarbeiterhäuser in Nachbarschaft
der Staatsdomäne wohnte. "Kühe werden auf dem Oberfeld
seit mehr als 30 Jahren nicht mehr gehalten." Auch Eckel bezweifelt
die Wirtschaftlichkeit. "Es scheint, als ob der Größenwahn
auf dem Oberfeld regieren soll."
"Jahrelange Subventionen nötig"
"Ist der Stadt Darmstadt klar, dass sie sich mit der Entscheidung
für dieses Projekt an einem jahrelangen Subventionsprojekt
beteiligt?", schließt sich
Dorothea Köhler der Kritik an. Sie schrieb einen Offenen Brief
an Oberbürgermeister Walter Hoffmann (SPD) und die Presse.
Sie fragt sich, warum an dem Konzept festgehalten werde, obwohl
allerorten Bauern ihr Milchvieh abbauten, weil es "ein finanzielles
Zuschussgeschäft" sei.
Rosenstock weist die Kritik zurück. "Ein biologisch-dynamischer
Betrieb ist ohne Rinderhaltung nicht möglich, er braucht den
Dung." Mehrere landwirtschaftliche Gutachten, unter anderem
vom Landesbetrieb Landwirtschaft, hätten bestätigt, dass
Milchviehhaltung auf dem Oberfeld möglich sei. "Wir lassen
unsere Kühe nicht auf den Feuchtwiesen grasen, sondern auf
den trockenen Weiden." Diese böten genügend Feldfrüchte,
unter anderem Klee.
Auch der Vorwurf des "Subventionsprojekts" sei unhaltbar. "Wir
wollen gar keine Zuschüsse von der Stadt", stellt Rosenstock
klar. Die Initiative erhalte Förderungen von gemeinnützigen
Stiftung oder der Software AG. Frank Schuster

Frankfurter Rundschau v. 20.03.2006, S.40
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